“Haben wir alle dieselben Probleme?” oder “There is a procedure for this!”

So viele Erlebnisse, von denen ich dachte, das wäre vermutlich ein spannender Bericht aus dem Leben in Indien.

Zum Beispiel Erfahrungen mit der Bürokratie hier, die zugegebenermaßen auf vielen Ebenen ziemlich anstrengend sein können. So hat sich obiges Zitat “There is a procedure for this!” bereits als geflügeltes Wort eingeschliffen🤷🏻‍♀️.
Diese Prozeduren kosten viel Zeit, können an den Rand der Verzweiflung bringen und Geduld lehren, ebenso wie Zuversicht, weil:
“Am Ende wird alles gut und wenn es nicht gut ist, dann ist es nicht das Ende. (Zitat aus dem lohnenswerten Film Marigold Hotel)

Vielleicht wäre tatsächlich ein Bericht aus Situationen, in denen ich Schwierigkeiten hatte, die Dinge nicht zu bewerten und im Flow zu bleiben, interessant. Am Ende bleibt letztlich der Tenor: Wie muss es sein für Menschen, die nach Deutschland kommen, keine Chance sehen, in Ihr Heimatland zurückzukehren für längere Zeit, weder Englisch noch Deutsch sprechen, vielleicht noch nicht mal lesen und schreiben können und keine Einheimischen finden, die sie unterstützen und begleiten? Das fühlt sich sehr einsam und abgelehnt an, so viel ist sicher.

Viel mehr Spaß macht es mir dann doch, die freudigen Momente zu teilen, und derer gibt es letztlich immer mehr, als die nervtötenden.
Deshalb werde ich hier unsere Begegnung mit Harri teilen und auf diese Weise auch ein bisschen über Infrastruktur und Fortbewegung.

Ich bedaure sehr, dass es mir hier in Kerala nicht möglich ist, Fahrrad zu fahren. Nicht dass es sie nicht gäbe, die Drahtesel. Gar nicht so einfach, die verschiedenen Modelle zu fotografieren und die Art und Weise, wie sie genutzt werden. 🚲 🚴🏻‍♀️
Zu schnell sind die Momente, beziehungsweise ich, vorbei und damit die Gelegenheit, einen Schnappschuss zu machen. Aber ihr kennt sie, die Fotos von bis nach oben beladenen Fahrrädern, von Zweirädern, die anmuten wie aus dem falschen Jahrhundert gegriffen; von rostigen Drahteseln. Manche muten an, als wären sie längst vergessen, Teil des Straßenmülls. Dann kommt jemand vorbei, setzt sich drauf und radelt damit über die Stadtautobahn,…
Für mich ist es erstens glühend heiß und vor allem zweitens zu „unübersichtlich“ auf den „Straßen“.

Aber ich vergesse das eigentliche Thema: Harri Krishna.
Oder: Was wir so erleben, wenn wir unterwegs sind.
Sogar Metro sind wir schon gefahren. Ja auch Wassermetro! Mit securitycheque bei Fahrtbeginn und Ende. In manchen (großen -wirklich großen- Städten) eine komfortable zuverlässige Art und Weise von A nach B zu kommen. Wie beim Zugfahren hier, ist es eine Wissenschaft, bis man das Ticket hat. Aber Dank digitalem Zeitalter und/oder hilfsbereiten Inder:innen lösbar, meistens.
Auch unsere erste Zugfahrt, trotz Staub auf den Schienen: pünktlich und komfortabel!
Bus fahren, das habe ich mich noch nicht getraut. Ich verstehe einfach noch nicht, wie das System hier funktioniert. Es gibt Bushalte. Oft kann man diese auch als Haltestellen erkennen, aber keine Fahrpläne. Wo wird der Fahrschein gelöst? Außerdem: Malayalam ist eine sehr schöne Sprache und aneinandergereihte Elefantenrüssel sehen sehr hübsch aus. Aber im Vorbeifahren bin ich zu langsam im Übersetzen der richtigen Fahrtrichtung.
Du fragst dich vielleicht, wie die Busse hier aussehen und ausgestattet sind? Oder du hast Bilder im Kopf. Es gibt hier alles, von Flixbus–Fernreise bis abgeranzt.
Busse, die man bei uns wahrscheinlich so noch nicht mal auf dem Schrottplatz finden wird, die aber als Linienbusse fungieren. Allerdings in Zeiten des Monsun wären Scheiben durchaus hilfreich, denke ich.

Damit wären wir bei den Autorikschas oder Tuktuks. Die haben nämlich auch keine Scheiben, aber Planen, die man runterlassen kann, wenn es regnet. Sehr sinnvoll, denn Regen bedeutet hier Wassermassen von oben und unten.
Aber leider ist die Einstiegsseite nicht so dicht. Es kann also auch hier passieren, dass man klitschnass zu Hause ankommt und sich denkt: „Hätte ich mir doch mal lieber ein Auto gebucht.“
Da das Wetter hier in manchen Monaten, auch im September noch, so wechselhaft ist, kann man das schwer vorhersehen und außerdem ist es eigentlich schon cool, mit so einer Rikscha zu fahren, denn man ist viel näher dran am Leben in der Stadt oder auch über Land (kann aber auch für den Rücken eine Herausforderung werden 😉). Außerdem gibt es keine Klimaanlage, was für Personen mit Klimaanlagenallergie, so wie ich eine bin, ein Segen ist, Feinstaub hin oder her.
Übrigens auch in elektrisch, die Busse, die Rikscha und die Autos. Diese für längere Strecken dann doch die beste Alternative. Wir haben uns entschieden, nicht selbst Auto zu fahren und auch kein motorisiertes Zweirad zuzulegen. Diese sind hier sehr beliebt, auch in elektrisch.
Alleine schon die vielen Fahr- und Bringdienste liefern damit, angesehen der hohen Fahrzeugdichte auf den Straßen, egal bei welchen Wetterverhältnissen, erstaunlich schnell und zuverlässig. Aber auch Privatleute besitzen oft einen Motorroller oder ein Motorrad und bewegen damit unter Umständen auch die gesamte vierköpfige Familie von A nach B, ….

Rikscha in elektrisch ⚡️

Aber zurück zu Harri! Wie sich wahrscheinlich jetzt aus dem Geschriebenen erschließt, haben wir schon einige Fahrer kennen gelernt, Fahrzeuge, Fahrstile, Treibstoffe, Service, Sprachen und Kommunikationsfähigkeit, Motivation, Zuverlässigkeit.
Durch Uber und das Zahlungsmittel UPI, kommt man hier sehr sicher, komfortabel und schnell ans Ziel. Manchmal werden Fahrten plötzlich gecancelt oder der Fahrer verlangt doch mehr als zuvor in der UberApp vereinbart (was verschiedene Gründe haben kann). Aber im Großen und Ganzen gibt es hier keinen Grund zur Klage, und schließlich gibt es in Deutschland auch unmotivierte und aber auch sehr kompetente und freundliche Taxifahrer und sogar Fahrerinnen.
Was mich hier immer wieder ein bisschen verstört, ist die Geschichte mit dem Anschnallen. Es gibt hier eine Anschnallpflicht, zumindest für die Fahrer, und in allen Fahrzeugen befinden sich auch für die Fahrgäste im hinteren Fahrzeugbereich Gurte. Manche Fahrer, habe ich mir erzählen lassen, machen sich einen Spaß daraus, die Blitzer auszutricksen, in dem sie T-Shirts tragen mit einem abgedruckten Gurt quer über dem Bauch.

Das habe ich aber noch nicht gesehen. Auf der Rückbank hab ich glaube ich so alles schon erlebt. Gurte, die es mal gegeben haben muss, die für mich aber nicht auffindbar sind. Gurte, zu denen ich das Gegenstück nicht finde oder umgekehrt. Eine automatisierte Ansage, dass ich mich anschnallen soll als Passagierin, aber keine greifbaren Gurte oder sogar Adapter, die in Neuwagen das Piepsen, wenn die Passagiere sich nicht anschnallen, abstellen und gleichzeitig eine automatische Aufforderung zum Anschnallen (wegen der eigenen Sicherheit, 🤣…). Wenn es geht, schnalle ich mich an, denn ich habe mich an die, überwiegend bekannt sein dürfende, Fahrweise hier zwar gewöhnt und habe auch Vertrauen, aber sicher ist sicher. Wenn das Anschnallen nicht geht, auch okay. Meine private Statistik zeigt, dass es hier keinen Grund zu Besorgnis gibt, was meine persönliche Sicherheit anbelangt 😊.

Hier kommt also Harri ins Spiel. Wir hatten mal wieder ein spannendes Ausflugsziel erforscht und hatten diese Exkursion zugegeben mit ein bisschen Enttäuschung abgeschlossen. Die Attraktionen, die online feil geboten wurden, hat es wohl mal gegeben (Wasserfall, Glasbrücke, Café am Steg, Bootstour, Sunset View Point,…). Am Ende des Tages, gab es einen 12D(?) Vergnügungspark für Kinder und der Akkulamsee war natürlich auch noch da.
Nun zurück: also Taxi bestellen!
Innerhalb kurzer Zeit fährt unser Auto (an der Karosserieflanke stehen Nummern, die uns im Vorfeld mitgeteilt werden) an uns vorbei. Wir winken, und tatsächlich der Fahrer hält an, wartet den Gegenverkehr ab und lädt uns an unserem Wartepunkt ein. Er begrüßt uns freundlich, also außergewöhnlich freundlich. Kein müdes „Hi“, kein kurzes Nicken, sondern ein sehr freundlich zugewandtes „Good evening, Mam! good evening, Sir.“
Okay, das „Mam“ und „Sir“ ist als Deutsche ein bisschen gewöhnungsbedürftig. Andererseits ist es eine Anrede für jemanden, dessen Namen man nicht kennt, die im Deutschen ganz offensichtlich fehlt.
Zum ersten Mal eine persönliche Aufforderung, uns bitte anzuschnallen! (Ich hatte schon registriert, dass es hier im Wagen tatsächlich möglich ist, dies zu tun.)
Dass jemand dann fragt, wo wir herkommen, kommt natürlich vor. Dass sich daraus dann aber so ein wunderbar geistreicher Austausch über Sinn und Unsinn des Lebens insbesondere des Lebens in Deutschland und/ oder in Indien entspinnt, haben wir bisher hier noch nicht erlebt. Noch dazu, da wir in den Liquor Shop möchten, um uns indischen Rotwein fürs Abendessen zu besorgen. In einem Land, in dem es ein sehr, sehr gespaltenes Verhältnis zu Alkohol gibt.
Jedenfalls fragt er uns erst mal, ob wir im „Park“ gefunden haben, was wir gesucht haben. Nun ja, da bleibt uns in unserer Ehrlichkeit nichts anderes übrig, als über unsere Erfahrungen bezüglich nicht existierenden Wasserfall, Glasbrücke etc. und der damit verbundenen Enttäuschung zu berichten. Er erklärt uns sehr offen, dass sein Bundesstaat/Land an dieser Stelle noch hinzu lernen müsse. Es gibt eine Offenheit für Projekte und neue Ideen, auch im Zusammenhang damit, Tourismus anzulocken. Nur leider, und das sehen wir tatsächlich hier auch, hapert es dann, nachdem die finanzielle Starthilfe erst mal gewährt wird und Begeisterung absolut vorhanden ist, an Betrieb und Unterhaltung.
So ist es schwer für solche Projekte, langfristig zu funktionieren. Die Wertschätzung für die Dinge, die da sind, möchte offensichtlich erst noch geübt werden.
Und dennoch: jetzt und in diesem Fahrzeug herrscht auf beiden Seiten die Wertschätzung und Begeisterung für die Vielfalt in diesem Land deutlich vor und wir tauschen uns weiter aus über die unterschiedlichen Gepflogenheiten und Möglichkeiten.
Insbesondere mich als Ehefrau versucht der Fahrer offensichtlich davon zu überzeugen, dass Indien ein Land ist, in dem wir langfristig sesshaft werden könnten. Da habe ich im Moment noch so meine Zweifel (Stichwort Bürokratie). Aber ich bin auf der anderen Seite sehr offen für seine Argumente und finde es großartig, dass ihm so viel daran liegt, dass wir uns wohl fühlen in seinem Heimatland.
Ich habe selten in Indien oder Deutschland jemanden getroffen, der so differenziert und dennoch mit so viel Wertschätzung über seine Heimat spricht. 👍🏻
Nach dem Zwischenstopp im Schnapsladen unterhalten wir uns dann auch darüber, wie das Verhältnis hier und dort zu Alkohol ist. Er selbst trinkt keinen Alkohol und schaut sehr besorgt auf die Menschen in seinem Umfeld, die Alkohol konsumieren und manchmal ihr ganzes Einkommen im Liquor Shop lassen. Schnaps wird getrunken, nicht weil er schmeckt sondern weil er über missliche Lagen und Lebensumstände hinweg trösten soll. Auch in diesem Punkt sind wir uns einig. Alkohol als Schmerzverlängerer? Wenig hilfreich geschweige denn sinnvoll. Gleichzeitig ist unser Chauffeur sehr neugierig, wie wir als Deutsche mit Alkohol umgehen und zu welchem Zweck wir den Wein gekauft haben.
Als Rheinländer:innen ist es für uns einfach schön, zu bestimmten Speisen, ein Glas Wein zu trinken und auch Weine miteinander zu vergleichen. (ich meine geschmacklich, nicht im Hinblick auf die Auswirkungen auf das neuronale Netz und die Synapsen 😉). Er sagt, dass er nicht den Eindruck hat, dass Wein den Geschmack der Speisen verbessert. Und tatsächlich zu indischem Essen brauche ich auch keinen Wein. Zu viele Gewürze, zu viel Geschmacksexplosion. Der Alkohol verfälscht hier meist mehr, als dass er hebt.

Seiner Meinung nach, haben wir doch sowieso eigentlich überall auf der Welt als Menschen dieselben Bedürfnisse!
Er erinnert mich an meinen Beitrag von Beginn 2025 und an Menschen wie Jane Goodall und Marshall Rosenberg.


20 Minuten vergehen wie im Flug und wir stehen vor unserem Flat. Besser gesagt, wir fahren vorbei.
Wir sagen mit einem Augenzwinkern: “No Problem, wir können aussteigen. Wir sind Deutsche. Wir können zu Fuß laufen 😉.”
Er sagt: “Gewöhnt euch an indische Verhältnisse. Ich fahre euch bis vor die Haustür!”
Wir lachen, verabschieden uns herzlich, natürlich direkt vor unserer Haustür, und Gott sei Dank bekommen wir auch seine Visitenkarte.
Mein Partner sagt beim Aussteigen zu mir schon: „Jetzt habe ich endlich meinen Fahrer 😊 gefunden!“
Ich denke das auch. Er reicht mir die Visitenkarte.
Eine witzige bunte Karte.
Darauf steht:
Hari Krishna.

Wir grinsen uns an.
Ob Harri weiß, welche Gedanken er bei uns damit ausgelöst hat?
Wahrscheinlich nicht, aber bald werden wir wieder mit ihm fahren und da er Deutsch und wir Malayalam lernen möchten, werden wir uns sicher auch darüber austauschen und ich werde herausfinden, was das alles für Bücher waren, die wir in seinem Auto gesehen haben.

Ich freu mich schon 🌈 🇮🇳 🫶 🇩🇪