Indien – Fremd oder zu Hause?


Ja, jetzt sind wir in Indien. Ich bin in Indien, in Südindien. Irgendwie fühlt es sich an als wäre ich grad erst gekommen und schon ganz lange da. So vieles ist so anders als zum Beispiel in Deutschland. Gleichzeitig sind die Bedürfnisse von Menschen, wenn man genauer hinguckt, doch wahrscheinlich überall auf der ganzen Welt gleich. Wir wollen uns wohl und sicher fühlen und unterschiedliche Kulturen haben hierfür unterschiedliche Stratetgien entwickelt.
Richtig zu Hause? Das braucht noch Zeit, denn von mir zumindest kenne ich das sehr gut, wenn ich irgendwo fremd bin, fühle ich mich weniger sicher, weil ich den Verhaltenskodex nur zum Teil kenne, weil ich natürlich nichts falsch machen möchte und die Menschen nicht vor den Kopf stoßen möchte. Also keine Grenzen überschreiten möchte im bildlichen Sinne. Gleichzeitig bin ich super neugierig, wie die Dinge sind und warum sie so sind und was alles möglich ist. Auch um zu wissen, wo meine Grenzen sind, also wie groß meine Freiheit ist. Denn Freiheit ist nie grenzenlos, oder?

🕊️Oder anders formuliert: sie ist dann ohne Grenzen, wenn ich innerlich frei bin. Und wann bin ich das? Wann bist du das? Und wo?

Was ist anders? Wo fange ich an? Am besten beim ersten Moment, wenn man den internationalen Flughafen, mit Klimaanlage und Luftfilter, verlässt. Es riecht gaaanz anders. Natürlich auch wegen Temperatur und Luftfeuchtigkeit, aber es ist auch diese Mischung von Pflanzen und Staub und Abgasen, Räucherwerk, Gewürzen, Rosenwasser, Seifenduft, die selbst vor dem Flughafen, auf dem Parkplatz, schon präsent ist.

Im ersten Moment nicht unbedingt angenehm. Ich muss zugeben, meine erste Assoziation. Ich musste einen Moment überlegen, aber dann: „Klostein!“. Aber es ist wohl Kampfer, der in der Ayurveda eine wichtige Rolle einnimmt und hier in Indien überall zugefügt wird, wie mir scheint; in Seifen, Tees, Speisen, Waschmittel, Zahnpasta, Shampoo,….

Und doch irgendwie ist es wie nach Hause gekommen. Nicht unser Zuhause in Deutschland, vielleicht ein neues.

Der Straßenverkehr ist natürlich auch anders. Zwei Spuren werden von mindestens vier Fahrzeugen parallel nebeneinander benutzt. Es gibt auch schon mal Fahrräder auf den Autobahnen. An vielen Stellen sehr, sehr wenig Fußgänger*innen. Und Geräusche, sehr viele unterschiedliche Geräusche von knatternden Fahrzeugen aller Art und Hupen bis hin zu Vogel- und anderen Tiergeräuschen. Der Klang in den Räumen ist anders, wie du an dieser Aufnahme hörst. Das Wasser ist anders, die Sonne ist anders, das Meer, der Strand. Die Menschen gehen mit Klamotten ins Wasser, kein Schwimmen, kein Sonnenbaden. Die Luft ist anders, meine Haut fühlt sich anders an. Offensichtlich gibt es hier wesentlich mehr Menschen, die kein Shampoo benutzen, so wie ich, vielleicht weil sie wissen, dass es besser für die Haare ist. Das kann man sehen. Der Umgang mit Ausländer*innen und Vegetarier*innen ist anders, auch der Umgang mit Frauen. Der Umgang mit Natur und Umwelt, Müll, Tierhaltung, Landwirtschaft.

Das Einkaufen ist anders, das Bezahlen, der Sinn für Ästhetik und Gemütlichkeit, die Tischkultur. Es wird weniger Alkohol getrunken, mehr Zucker konsumiert. Das Essen ist natürlich komplett anders und ich bin überrascht von der Vielfalt. Und damit möchte ich, glaube ich, auch anfangen.

Gleichzeitig lade ich dich ein, mir zu schreiben; insbesondere, wenn es etwas gibt, was dich besonders interessiert. Ich bin neugierig, wie ich dein Leben bereichern kann. Natürlich freue ich mich auch einfach, wenn dir meine Beschreibungen gefallen.

Aber vorher möchte ich noch mal klären, warum ich überhaupt meine Erfahrung über ein Leben in Indien mit dir und euch teile.

Es gibt drei Gedanken, die mir immer wieder durch den Kopf gehen und von denen ich hoffe, dass mein Teilen ein bisschen mehr Klarheit schaffen kann.

  1. „Frieden“ habe ich mir und uns allen für dieses Jahr gewünscht. Meine Hoffnung ist, dass ich durch Fakten und meine eigenen Erfahrungen, zu mehr Bewusstheit und Verständnis und zu mehr Toleranz für das Anderssein, zu mehr Gelassenheit einladen kann. Um mich herum leben auch in Deutschland schon sehr, sehr viele Fremde. Mit deutschem Pass, auch deutschen Wurzeln, was auch immer das sein mag. Ich weiß, dass es sehr, sehr anstrengend ist, sich immer wieder vor Augen zu führen, das fragwürdiges Verhalten, welches ich erlebe, zumeist nicht gegen mich oder andere gerichtet ist und dass ich nicht jeden bekehren oder erziehen kann oder muss. Immerhin habe ich die Erfahrung gemacht, es gibt keinen Grund, Angst zu haben vor dem Fremden. Vorsicht schadet nicht, aber ohne Neugier ist das Leben doch ganz schön langweilig. Und wenn die Angst immer größer ist als die Neugier, kann man nicht die Erfahrung machen, wie sicher man ist, solange der Atem fließt.
  2. Es gibt so viele Missverständnisse im Zusammenleben, die nur darauf beruhen, dass wir aus unterschiedlichen Kontexten stammen, zurückliegende Erfahrungen unterschiedlich sind und dadurch unsere Bewertungen zu falschen Schlüssen führen. Wir beziehen vieles auf uns, was mit uns aber meist gar nichts zu tun hat, fühlen uns möglicherweise verletzt, getriggert, getroffen. Wir wissen nichtmal die richtigen Fragen zu stellen, oder es ist uns vielleicht noch nicht mal bewusst, dass es Fragen zu stellen gibt. Weil es einfach zu wenig Offenheit, wenig Bewusstsein dafür gibt, dass andere oder wir viele Dinge einfach nicht wissen. 
  3. So viele Menschen haben noch nie Erfahrungen gemacht mit einem Leben in der  Fremde. (Ich spreche hier nicht von Tourismus, der den Einheimischen schnelles Geld in die Kassen spült.) Viele wissen nicht, wie sich das anfühlt, wenn man in einem Land, dessen Sprache man vielleicht noch nicht einmal spricht (z.B. Deutsch oder Malayalam), sein Leben neu organisieren muss. Ja MUSS, weil nämlich viele, die zu uns nach Deutschland kommen, gar nicht freiwillig dort sind. Sie wären gerne in ihrer Heimat geblieben, aber Umstände haben dazu geführt, dass sie ihre Familie verlassen mussten, ihr zu Hause, ihr bekanntes Umfeld, ihre Arbeit, manchmal einfach fast alles. Doch hat jede/r von uns schon mal so eine tragische Geschichte gehört von Flucht und Vertreibung und doch gibt es diese ablehnende Haltung in der deutschen Bevölkerung gegen Flüchtlinge oder gegen Fremde („Neigschmeckte“) im Allgemeinen. Wenn mir diese Ablehnung begegnet, macht mich das jedesmal ganz betroffen. Warum können wir diese Chance nicht nutzen? So viele Menschen kommen mit ihrer Familie nach Deutschland und wir hätten die Chance zu zeigen, wie gut Demokratie funktioniert, wie sie den Menschen nutzt, wie sorgsam wir mit der Umwelt umgehen, wie friedlich wir mit unseren Nachbarn leben. Aber ganz ehrlich, vielleicht sind wir selbst noch weit davon entfernt. Und weil wir das wissen, haben wir nichts zu teilen und nur Angst, etwas zu verlieren.

In allererster Linie möchte ich eigentlich nicht auf regionale Unterschiede hinweisen und soweit wie möglich auch nicht bewerten. Ich möchte im Gegenteil neue Perspektiven aufzeigen, freudig neugierig machen und, wenn es mir gelingt, herausfinden, welche Gründe oder welchen Nutzen, die mir neuen Umstände in diesem Land (in diesem Fall in Indien) haben. Natürlich möchte ich auch eure Fragen beantworten und eure Neugier bedienen.

Ich möchte wissen, warum Menschen… im Ausland ihr Haus nicht verlassen, Grünschnitt verbrennen, hupen, mich nicht anschauen, Müll in die Natur schmeißen, auf ihrem Kopftuch oder ihrem Schnitzel bestehen ….

Vielleicht erinnerst du dich ja an mein WarumFasten Büchlein? Es ist eben nicht immer der richtige Zeitpunkt für ein „Warum?“. Aber es ist immer ein guter Zeitpunkt für Neugier und Freude an dem, was da ist.

Mandala Friedensmeditation

Pace 🕊️ സമാധാനം